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mehr gehört mittlerweile fast schon zum Standardangebot (z.B. bei Prentice Hall: Macionis, bei Blackwell-Polity: Giddens, bei McGraw-Hill: Schaefer). Parallel dazu werden die Texte in den Lehrbüchern kürzer, durchgehende Texte seltener und die Menge an illustrativem Material größer; Vierfarbendruck und andere Zugeständnisse an massenmediale Konsumgewohnheiten gehören mittlerweile zum Standard. Manche dieser textbooks ähneln bereits mehr der Videoclip-Kultur und dem Infotainment à la Focus. Davon ist das vorliegende Lehrbuch noch weit entfernt. Als Mitwirkender an einem Konkurrenzunternehmen mag mein Urteil über das vorliegende Lehrbuch nicht ganz unvoreingenommen sein. Die Entscheidung, mit einer großen Zahl von Ko-Autoren zu arbeiten, hat das Erscheinen des Lehrbuches wohl erst möglich gemacht. Sie damit zu rechtfertigen, wie das Joas ein wenig pompös unter Zitierung von Durkheim tut, dass „Ein-Mann-Synthesen“ ein Zeichen unreifer Wissenschaften wären, ist dennoch gleich in zweifacher Weise falsch. Bei Einführungen geht es nicht um Gesamtüberblicke. Vor allem aber fehlen im deutschen Sprachraum Anreize für Autoren, Lehrbücher zu komponieren. Nur weil das so ist, kann ein derartiges Vorhaben, trotz aller damit einhergehenden Probleme, dennoch als zweitbeste Lösung akzeptiert werden. Die Unebenheiten in den Akzentsetzungen der einzelnen Kapitel, die Neigung deutscher Autoren, eigene Veröffentlichungen zum Thema für unverzichtbar zu halten, manche wenig elegante und gelegentlich übertrieben kompliziert ausgefallene Formulierungen sind der Preis, den Gemeinschaftswerke zu zahlen haben. Der Umstand, dass dieses Lehrbuch in einem großen Verlag erscheint, wird es ihm aber wohl leicht machen, sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, was angesichts der originär deutschen Konkurrenten durchaus begrüßenswert ist. Christian Fleck ∗ Heinz Abels: Einführung in die Soziologie. Band 1: Der Blick auf die Gesellschaft. Band 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2001. 410 und 334 Seiten. ISBN 3-531-13610-0 und 3-53113611-9. Preis: € 19,90 und € 17,90. In Anbetracht der Tatsache, dass inzwischen zahlreiche deutschsprachige Einführungen in die Soziologie auf dem Markt sind, drängt sich bei der Würdigung einer Neuerscheinung die Frage auf, ob es sich dabei um eine bereichernde Alter-
native oder eine fällige Ergänzung zu den bereits vorhandenen Einführungen handelt, oder nur um eine Verdoppelung bzw. Neuauflage der bereits vorhandenen Lehrbücher. Im Vorwort verspricht der Autor etwas Originelles: Eine theoriegeleitete Einführung in die Soziologie, ein für Anfänger sprachlich und didaktisch geeignetes Lehrbuch, das abstrakte Aussagen der Soziologie mit vielen Beispielen verdeutlicht und verständlich macht. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf eine Warnung von Mills „nie mehr als drei Seiten zu schreiben, ohne an ein konkretes Beispiel zu denken“. Als Adressat dieses Buches hat der Autor hauptsächlich Studierende am Anfang ihres Soziologiestudiums im Auge. Dieses Buch sollte zugleich Interesse für die soziologische Denkweise und für die spezifischen soziologischen Perspektiven im Kanon der Wissenschaft wecken. Zugleich wird versprochen, dass der Leser in die „Kunst des Misstrauens“ eingeführt wird. Darüber hinaus soll der Leser mit den grundlegenden Fragen der Soziologie (z.B. „wie Gesellschaft möglich ist“) vertraut gemacht werden, auch mit Erklärungen darüber „warum Strukturen entstehen, wie sie erhalten oder verändert werden und was Prozesse auslöst oder verhindert“. Diese Einführung in die Soziologie will die Studenten „auch ein bisschen herausfordern, sich die Dinge von verschiedenen Seiten anzusehen und einleuchtende soziologische Erklärungen doch noch einmal gegen den Strich zu bürsten“. Das ist auf Anfängerniveau nicht ganz leicht – mahnt er die Leser. Aber wenn der Leser mitdenkt – so verspricht er – „umso mehr Spaß macht es!“ Versprochen wird auch ein eigener didaktischer Weg. Um diesen Weg gehen zu können, rät er nach Nietzsche „langsam zu lesen“. Der Leser soll während des Lesens mitdenken. Er sollte bei Beispielen anhalten oder selbst Beispiele ausdenken. Er verspricht, dem Leser die Fähigkeit zu vermitteln, gleiche Dinge aus verschiedener Perspektive, von verschiedenen Positionen her zu betrachten. Ich werde für die Rezension hauptsächlich diese Kriterien zu Grunde legen und fragen, ob und in wie weit der Autor seinen – durchaus schätzenswerten – Absichten gerecht werden konnte. Das Buch gliedert sich in zwei Bände. In Band 1 soll aus makrosoziologischer Perspektive ein Blick auf die Gesellschaft geworfen werden. Der Untertitel gilt zugleich als ein Programm: „Der Blick auf die Gesellschaft“. Band 2 ist inhaltlich aus einer mikrosoziologischen Perspektive auf die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft fokussiert
Literaturbesprechungen und trägt den Untertitel „Die Individuen in ihrer Gesellschaft“. Als Einstieg wählt der Autor die Einführung in das soziologische Denken. Auf 15 Seiten behandelt er die „Kunst des Misstrauens“ als ein wesentliches Merkmal des soziologischen Denkens (Misstrauen gegenüber den eigenen Alltagserfahrungen, der Verallgemeinerung von Alltagserfahrungen und der Wahrnehmung des Alltags als Selbstverständlichkeit). Der nächste Schritt macht dem Leser plausibel, dass auch der Soziologe mit „Hintergrundannahmen“ operieren muss, er ist aber dem Postulat der „Wertfreiheit“ verpflichtet. Dann wird erklärt, wie der „Idealtypus“ (im Sinne von M. Weber) konstruiert wird und wozu dieser bei soziologischen Erklärungen dient. Wohl auf Studierende, die Soziologie mit nicht erfüllbaren Erwartungen studieren wollen, gemünzt, beschreibt er, was die soziologische Wissenschaft nicht leisten kann. Er ermutigt aber die Studenten, sich auf die Soziologie (doch) einzulassen, um zu einer „reflektierten Gewissheit“ zu gelangen. Obwohl dieses mit Zitaten von Dreitzel, Mills, Luhmann, Schlegel, Hegel, Freud, Berger und Luckmann, Durkheim, Weber, Homans, Nietzsche, Goffman, Dahrendorf, Gouldner, Simmel, Habermas und Spencer reichlich gespickte Einführungskapitel sehr anspruchsvoll und lehrreich ist, ist es für Anfänger kaum verdaulich. Ich befürchte, dass die Studierenden am Anfang ihres Studiums mit den zitierten Autoren noch nichts anfangen können, selbst dann, wenn sie das Kapitel sehr langsam (wie dies der Autor empfiehlt) lesen. Dasselbe gilt auch für das zweite Kapitel: „Was ist Soziologie und was ist ihre Aufgabe?“ Um einen Zugang zur Soziologie als Wissenschaft zu finden, sollte man – so der Autor – zunächst das zur Kenntnis nehmen, was andere, z.B. Margaret Thatcher, ein Journalist in der „Zeit“ oder U. Beck so über die Soziologie sagen. Neben dem „was man so hört“, empfiehlt er einen zweiten Zugang über das „ungefähre Wissen“, z.B. über die Explikation von Begriffen, die in der Alltagssprache wie auch in der Soziologie Verwendung finden, wie z.B. „sozial“, „soziale Lage“, „Gruppe“ usw. Als dritten Zugang beschreibt er „Impressionen“, die man durch die Auseinandersetzung mit Klassikern der Soziologie wie A. Comte, G. Simmel, K. Mannheim gewinnt. Die wichtige Frage „wozu Soziologie“ beantwortet Abels ebenfalls unter Rückgriff auf Antworten soziologischer Klassiker, so A. Comte, E. Durkheim und M. Weber. Drei mit Originalzitaten dieser Autoren reichlich belegte Antworten werden nebeneinander gestellt und beschrieben, das Resümee aus diesen soll der Leser je-
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doch selbst ziehen. Die moderne Debatte über diese Frage wird schon eher diskursiv dargestellt; auch mit einem Resümee des Autors, dass „die Begründung der Soziologie ins Große und Ideale greifen“ (Comte) oder die Bedingungen aufzeigen solle, wie eine jeweilige Ordnung erhalten werden kann. Er erwartete, dass Soziologie Zusammenhänge versteht und erklärt, unter denen Individuen handeln. Dazu gehört auch, den Sinn zu verstehen, den sie mit ihrem Handeln verbinden. Der Blick für Strukturen und das Individuelle verbinden sich. Das ist dann auch im Grunde der Tenor der modernen Debatte. Weit entfernt von sozialem Optimismus, aber auch ebenso weit entfernt von sozialer Resignation ist die Soziologie dabei, Sicherheiten und Krisen zu analysieren und Wege aufzuzeigen, auf denen die Sicherheiten erhalten und die Krisen überstanden werden können. Soziologie wozu? „Dazu!“ (69). Und dann wird die Frage behandelt, wann Soziologie beginnt und warum sie nicht endet. Wobei Soziologie – so die Definition des Autors – sich mit gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Handeln zwischen Individuen in diesen Verhältnissen befasst. Die so verstandene Soziologie beginnt nach Abels mit dem Zweifel an der Natürlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse (71) und endet nie („Sie wird ewig jung bleiben, weil sich ihre Argumente in der Kommunikation mit anderen vergewissern müssen“ (73)). Ob sich dies als ein überzeugendes Argument für Anfänger in der Soziologie erweisen wird, wird sich noch herausstellen. Das Kapitel „Was ist Soziologie und was ist ihre Aufgabe?“ wird fortgeführt mit Erörterungen darüber, was ein Soziologe tut und was seine Aufgabe ist. Diese Frage wird diesmal fast ohne lange Zitate so beantwortet, wie dies in anderen Lehrbüchern auch geschieht. Die Aufgabe eines Soziologen ist, die gesellschaftlichen Phänomene zu beobachten, diese zu beschreiben und schließlich einleuchtend zu erklären. Wobei Erklärung nach Ansicht des Autors das Verstehen im Sinne M. Webers ist. Doch der Autor verlässt den gemeinsamen Kern soziologischer Lehrbücher, indem er auf eine vierte und fünfte Aufgabe verweist, der Soziologe soll das Handeln und die gesellschaftlichen Verhältnisse „nach der Rationalität einer bestimmten Theorie beurteilen, und schließlich soll er in die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen auch eingreifen“. Aber es wird nicht darauf verwiesen, dass gerade diese zunächst genannten Aufgaben in der soziologischen Literatur höchst kontrovers behandelt werden. Im Schluss dieses Kapitels werden zwei „grundsätzliche soziologische Perspektiven“ dargestellt. Diese grundsätzlichen Positionen werden
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am Beispiel von J. S. Mills und K. Marx beschrieben. Die „Grundsätzlichkeit“ sieht er darin, dass die holistische Sichtweise das Faktische und die individualistische Sichtweise „das Potentiale und das Handeln der Individuen“ betonen. Warum diese Positionen als grundsätzliche Perspektiven in der Soziologie anzusehen sind, hätte für die Studienanfänger eine ausführlichere Erläuterung erfordert. Ich habe mich hier mit diesem ersten Kapitel etwas ausführlicher befasst, weil dieses die Konzeption der Soziologie aus der Sicht des Autors dem Leser nahe bringen will. Da werden wichtige, interessante Perspektiven und Zusammenhänge für einen soziologisch bereits informierten Leser, durchaus mit Erkenntnisgewinn, vermittelt. Aber meine Befürchtung ist, wenn diese Kapitel für die ersten beiden Veranstaltungen einer Einführungsvorlesung zu Grunde gelegt werden, dann ist der Hörsaal wohl „leer geredet“. Dies gilt allerdings nicht für die anschließenden Kapitel, die sich an den „klassischen“ Themen der sozialwissenschaftlichen Einführungsbücher orientierend dem Leser die Frage beantworten wollen, wie Gesellschaft möglich ist (soziale Ordnung), und theoriegeleitet beschreiben wollen, welche Realitäten die Soziologen unter den Begriffen „Institution“ (Kapitel 4), „Organisation“ (Kapitel 5), „System“ (Kapitel 6), „Macht und Herrschaft“ (Kapitel 7), „soziale Schichtung“ (Kapitel 8), „soziale Ungleichheit“ (Kapitel 9), „sozialer Wandel“ (Kapitel 10), verstehen und analysieren. Im Kapitel „Soziale Ordnung“ wird unter Rückgriff auf Hobbes, Rousseau, Spencer, G. Simmel, E. Durkheim, T. Parsons, Berger und Luckmann, der Gegenstandsbereich der Soziologie durch die Brille verschiedener theoretischer Ansätze gesehen. Dabei werden auch die paradigmatischen Ansätze der Theorien der zitierten Autoren verdeutlicht. Eine sehr gute Einführung und zugleich einen Überblick über die relevanten theoretischen Positionen bietet das Kapitel über die Institution. Schon bei den ersten beiden substanziellen Kapiteln (soziale Ordnung, Institution) wird die Besonderheit und auch der Eigenwert dieser neuen Einführung in die Soziologie erkennbar. Der Autor versucht – im Gegensatz zu vielen anderen Einführungen – die verschiedenen theoretischen Positionen auf den analysierten Gegenstand bezogen zu vermitteln. Also nicht losgelöst von dem Untersuchungsgegenstand der Soziologie. Dargestellt werden in den einzelnen Kapiteln nur jene theoretischen Perspektiven, die Erklärungen zur Behandlung des Untersuchungsgegenstandes, etwa Institution, Organisation, System, soziale Schichtung etc. anbieten. Auf eine systematische
Darstellung theoretischer Positionen wird hier verzichtet. Diese gegenstandsbezogene Einführung in die soziologische Theorie halte ich für gelungen und für die Gestaltung der soziologischen Lehre im Rahmen von Einführung in die Soziologie beispielgebend. Einschränkend muss ich festhalten, dass ich den Versuch des Autors, die theoretische Position einzelner Autoren durch reichhaltige Verwendung von Originalzitaten den anvisierten Adressaten dieses Buches (Studienanfänger der Soziologie) verständlich zu machen, für die Vermittlung der soziologischen Perspektiven als nicht förderlich, ja eher hinderlich ansehe, weil die theoriespezifischen, eigenwilligen Begrifflichkeiten der zitierten Autoren nicht ständig im Sinne von „Exkurs“ erläutert werden können. So müssen viele der zitierten Sätze nicht nur langsam, sondern wiederholt und immer wieder durchgelesen werden, damit daraus ein Erkenntnisgewinn (für Anfänger der Soziologie) resultieren kann. An den einzelnen Kapiteln könnte man natürlich das eine oder andere bemängeln, doch insgesamt stellen diese eine sehr gelungene Einführung in die behandelten Themenbereiche dar. Vielleicht mit der wohl beabsichtigten Einschränkung, dass sich die Perspektive von M. Weber doch dominierend durchsetzt. Weniger einleuchtend ist, dass etwa bei der Behandlung des Themas „sozialer Wandel“ das Modell von D. Bell, S. Eisenstadt und anderen wichtigen Autoren keine Würdigung findet. Im zweiten Band beantwortet der Autor die Fragen, wie die Individuen Teil der Gesellschaft werden, wie sie in ihr handeln und wie sie zu den Anderen stehen. Hier geht es also um die Vermittlung der mikrosoziologischen Perspektive. Die gewählten Untertitel „Blick auf die Gesellschaft“ und „Die Individuen in ihrer Gesellschaft“ unterscheiden die beiden Bände stärker als ihr Inhalt. In Wirklichkeit geht es im zweiten Band um die Beschreibung der Phänomene „Werte und Normen“, „Sozialisation“, „Rolle“, „soziales Handeln“, „Interaktion“, „Identität“, „Status“ und „Gruppe“. Bei der Behandlung dieser Begriffe und Themenbereiche greift der Autor meist auf die theoretischen Perspektiven jener Autoren zurück, die er auch schon im ersten Band behandelt hat, welche allesamt nicht als „Konstrukteure“ einer Mikrosoziologie anzusehen sind. Die konzeptionell wichtige Intention des Buches wird auch im zweiten Band durchgehalten. Theorien werden nicht losgelöst vom Untersuchungsgegenstand beschrieben. Zu Analysen des gleichen Gegenstandsbereiches werden verschiedene theoretische Perspektiven herangezogen.
Literaturbesprechungen Mein Resümee: Heinz Abels hat hier eine Einführung in die Soziologie vorgelegt, die insbesondere durch die originelle Konzeption des Buches die vorhandene Einführungsliteratur bereichert und erweitert. Aber er setzt m.E. bei den Lesern mehr voraus, als man von Studienanfängern der Soziologie erwarten kann. Die Appelle „langsam lesen“, „Beispiele ausdenken“ helfen wahrscheinlich auch nicht. Das Buch sollte vielleicht den Untertitel tragen „Einführung für Fortgeschrittene“. Laszlo A. Vaskovics
POLITISCHE SOZIOLOGIE Doug McAdam, Sidney Tarrow und Charles Tilly: Dynamics of Contention. Cambridge: Cambridge University Press 2001. XXI und 387 Seiten. ISBN 0-521-01187-6. Preis: £ 14,95. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist die Erforschung kollektiver politischer Konflikte nun schon ein zentrales Forschungsfeld der politischen Soziologie. Dabei ist es zu einer erheblichen Differenzierung in unterschiedliche Subdisziplinen gekommen, die sich z.B. mit ethnischen Konflikten, Streikwellen, neuen sozialen Bewegungen oder Revolutionen beschäftigen. Mit dem vorliegenden Buch versuchen drei renommierte Autoren – die jeweils gewichtige Studien innerhalb dieses Forschungsfeldes verfasst haben –, diese enge Spezialisierung zu durchbrechen und Gemeinsamkeiten in den kausalen Mechanismen und Prozessen in verschiedenen Formen von kollektiven politischen Konflikten herauszuarbeiten. Zudem streben sie mit diesem Buch eine theoretische Neuorientierung dieses Forschungsfeldes an: Erstens wollen sie sich von der klassischen Bewegungsforschung abgrenzen, die laut McAdam, Tarrow und Tilly meist nur einen Akteur aus einer statischen Perspektive betrachtet habe, und zweitens geht es ihnen darum, die beobachteten Episoden kollektiver politischer Auseinandersetzungen in abgrenzbare und wiederkehrende kausale Mechanismen zu zerlegen, die in unterschiedlichen Verknüpfungen den Ablauf dieser Konflikte bestimmen. Das Buch ist Resultat einer ganzen Serie von Seminaren und Konferenzen am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences in Stanford. In ihrer Argumentation stützen sich die drei Autoren im hohen Maße auf den Vergleich von sorgfältig ausgewählten Fallbeispielen. So untersuchen sie den Prozess der Mobilisierung am Bei-
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spiel des Mau-Mau-Aufstandes in Kenia und der gelben Revolution auf den Philippinen, und sie betrachten die Konstitution von Identitäten anhand von ethnischen Konflikten in Südasien und der Mobilisierung der farbigen Bevölkerung in Südafrika. Und schließlich analysieren sie den Entwicklungsverlauf von kollektiven politischen Konflikten am Beispiel der Entstehung des amerikanischen Bürgerkrieges und dem Übergang zur Demokratie in Spanien. Diese Beispiele werden freilich nur untersucht, um wiederkehrende kausale Mechanismen zu entdecken, die für den Verlauf der Auseinandersetzungen relevant sind. Dazu gehört z.B. die konstruktive Zuschreibung von Bedrohungen und günstigen Gelegenheiten oder die soziale Aneignung von bestehenden Organisationsstrukturen. Insgesamt nennen die Autoren in ihrer Studie nahezu zwanzig verschiedene kausale Mechanismen, die für den Ablauf von kollektiven politischen Konflikten von Relevanz sein sollen. McAdam, Tarrow und Tilly belassen es nicht bei der Benennung von zentralen kausalen Mechanismen von politischen Konflikten, sondern sie versuchen zu zeigen, dass diese Mechanismen auch für den Ablauf von makrosoziologisch relevanten kollektiven politischen Konflikten, wie z.B. sozialen Revolutionen, zentral sind. Damit wenden sie sich explizit von nomologischen Erklärungsmodellen in der Makrosoziologie ab. Um ihre These zu verdeutlichen, untersuchen sie revolutionäre Bewegungen in Nicaragua und China, nationale Konflikte anhand der italienischen Einigung und der Desintegration der Sowjetunion sowie schließlich Prozesse der Demokratisierung am schweizerischen und mexikanischen Fall. Insgesamt kann das Buch die hoch gesteckten Erwartungen, die von den Autoren geweckt werden, nicht erfüllen. Dies hängt mit ihrem ausgesprochen lockeren Gebrauch des Konzepts kausaler Mechanismen zusammen, der wenig mit der wissenschaftstheoretischen Präzision dieses Begriffs bei Autoren wie Jon Elster, Arthur Stinchcombe und Peter Hedström gemein hat. Hier zielt dieses Konzept auf die Angabe von systematischen und plausiblen Prozessen ab, die die Kovariation zwischen bestimmten Variablen oder Typen von Ereignissen erklären können und in den Sozialwissenschaften meist auf der Ebene des Handelns von Akteuren liegen. Von einer solchen individualistischen Konzeption grenzen sich McAdam, Tarrow und Tilly ohne nähere Begründung ab. Die von ihnen genannten kausalen Mechanismen lesen sich daher auch eher wie die Auflistung und Beschreibung von verschiedenen Elementen von kollektiven politischen Konflik-