Sozial Extra 2 2015: 10-15
DOI 10.1007/s12054-015-0013-9
Beruf und Qualifi kation
Islamismus, Salafismus, Dschihadismus Überlegungen und Hinweise zum religiös motivierten Extremismus
Die empirische Erkenntnislage zum religiös motivierten Extremismus ist noch dünn: es gibt kaum gehaltvolle Daten und Befunde. Wir bewegen uns noch im Feld vorläufiger Daten, erster systematischer Überlegungen und plausiblen Begründungen für eine angemessendifferenzierte Auseinandersetzung. Dabei bieten sich auch Analogien bzw. Überlegungen aus der Rechtsextremismusforschung und der rechten bzw. rechtsextremen Jugendszene an (vgl. Hafeneger 2015).
Unter diesen Rahmenbedingungen folgen sechs Hinweise zu ausgewählten Aspekten von Salafismus/Islamismus/Dschihadismus aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive und mit Blick in die Jugendforschung.
• und schließlich will eine Minderheit der dschihadistischen
Salafisten ihre Ziele bzw. extremistische Ideologie mit Gewalt durchsetzen; am Ende von Radikalisierungsprozessen mit der Bereitschaft, als „Kämpfer“ in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen, zu töten und sich töten zu lassen.
Benno Hafeneger *1948
Neues Phänomen
Dr., Prof. Lehrt Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg
Islamwissenschaftler haben wiederholt dargelegt, dass der Salafismus nicht monolithisch und keine geschlossene politisch-religiöse Bewegung benno.hafeneger@ ist, sondern auch diese radikale Erscheinung der uni-marburg.de islamischen Religion und Kultur ist ein komplexes und vielschichtiges Gebilde. Gemeinsam ist ihm ein „archaischer, wahrer Islam“ und „eine frühislamische Welt“, der die unterschiedlichen Strömungen in ihrer manichäischen Ablehnung von Demokratie, Pluralismus und „sündigen westlichen Werten“ prinzipiell einigt. Zugleich gilt es zu relationieren: Bei über vier Millionen MuslimInnen in Deutschland ist die Zahl von einigen Tausend SalafistInnen überschaubar (vgl. Said/Fouad 2014, Hafez/Schmidt 2014, Halm/Sauer 2014). Beim extremistischen Salafismus/Islamismus und Dschihadismus haben wir es in Deutschland wie auch in anderen Ländern (vor allem in England, Frankreich, Österreich und Belgien) mit einem jungen, neuen und transnationalen Phänomen (einer neosalafistischen Jugendbewegung) zu tun. Neben Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit türkischen oder arabischen Migrationshintergrund gehören auch Deutsche ohne Migrationshintergrund, die zum Islam konvertiert sind, zur salafistischen Szene. Die Aktivitäten der Szene sind differenziert: • die predigende Religionsausübung und Verbreitung der Reli-
gion, • dann die politisch-ideologische Propaganda und Agitation,
Zahlen und Befunde
Ab 2001 gab es unterschiedliche Phasen des islamistischen und dschihadistischen Salafismus; seit 2012 haben wir es in der jungen Generation durch den Krieg in Syrien und im Irak mit einer Zäsur und neuen Mobilisierung zu tun. In Deutschland soll es Ende 2014 - bei steigender Tendenz - über 7.000 radikale Salafisten mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen (1900), Hessen (1200) und Berlin gegeben haben. Insgesamt wird die Zahl der als „gefährlich“ geltenden Personen in Deutschland auf mehrere Hundert geschätzt. Mit Blick über die Grenzen und in andere europäische Länder werden an geschätzten Zahlen von den Behörden – bei einer hohen und konstatierten Dunkelziffer - angegeben: Weltweit gab es Ende 2014 etwa 16000 Auslandskämpfer in Syrien und Nordirak; davon kommen etwa 3 000 aus Westeuropa: aus Frankreich etwa 1 000, aus Deutschland etwa 650 (davon 115 Frauen), aus England etwa 550, dann auch aus Belgien (hier mit 400 in Relation zur Bevölkerung eine große Zahl), das gilt auch für Österreich (mit 170 Personen, hier sind 70 zurückgekehrt); weiter kommen ausgereiste Islamisten auch aus Holland und Dänemark. Man spricht in England von einem „home grown terrorism“, von Kerngruppen und von „Fanboys“ zu Hause. Die Salafistenszene wird in Deutschland meist mit vier Merkmalen charakterisiert: männlich, muslimisch, migrantischer Hintergrund und prekäre soziale Lage (Desintegration); zugleich zeigen Erfahrungen von Beratungsstellen, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus allen Schichten kommen, es vor allem aber
Abstract / Das Wichtigste in Kürze Salafismus ist ein religiös-jugendkulturelles Phänomen mit einem „Gut-Böse-Weltbild“. Eine radikalisierte Szene von Jugendlichen mit muslimischen Migrationshintergrund oder auch Konvertiten ist gewaltbereit und zieht es in den Dschihad. Mit Blick auf Prävention, Deradikalisierung und Intervention sind auch Pädagogik und Jugendhilfe gefordert.
Keywords / Stichworte Neues Phänomen, Radikalisierungsprozesse, Deradikalisierung, Prävention. 10
männliche Jugendliche aus eher sozial schwachen Familien und mit Gewalterfahrungen sind, die Konflikte mit Gewalt lösen (wollen) und ein entsprechendes Männlichkeitsbild haben. Hier gibt es Parallelen zu den Erkenntnissen – Herkunft, Männlichkeitsbild, Gewalterfahrungen, Einbindung und Radikalisierungsprozessse, Gewalt als Durchsetzungsmittel - über die rechtsextreme Szene. Eine von Verfassungsschutz und Polizei erstellte Studie (vgl. FAZ vom 27. November 2014) über 378 Personen, die bis Ende Juni 2014 aus islamistischer Motivation aus Deutschland nach Syrien ausgereist sind, bestätigt ein durchaus differenziertes Bild. Die vielfältigen Biografien und Merkmale zeigen u. a.: Es ist ein überwiegend männliches Phänomen – 89 Prozent waren Männer und 11 Prozent waren Frauen; die meisten – 125 von 322 - waren zwischen 21 und 25 Jahre alt, 56 waren im Alter von 15 bis 20 Jahren und 37 im Alter von 31 bis 35 Jahren. Die Hälfte der Ausgereisten war verheiratet und 104 von ihnen hatten Kinder; 61 Prozent waren in Deutschland geboren, 37 Prozent hatten nur die deutsche und 24 Prozent die deutsche und eine andere Staatsangehörigkeit. Mit 14 Prozent sind die Konvertiten eine signifikante Größe und hier ist der Anteil der Frauen („Dschihad-Bräute“) besonders auffällig (etwa doppelt so hoch wie ihr Gesamtanteil bei den Ausgereisten; das gilt auch für Österreich, hier sind 10 Prozent der reisenden Dschihadisten Frauen). Die Daten zu Bildung zeigen, dass 116 einen Schulabschluss haben (31 haben eine Realschule und 41 ein Gymnasium besucht), weiter haben 46 eine Ausbildung begonnen, 43 studiert und 8 hatten einen Hochschulabschluss. Zugleich waren 82 (21 Prozent) arbeitslos und 46 (12 Prozent) sind einer Beschäftigung – meist im gering-qualifizierten Niedriglohnsektor – nachgegangen. Von den Ausgereisten hatten 249 vorher Straftaten begangen, am häufigsten waren Gewaltdelikte, gefolgt von Eigentums- und Drogendelikten; die politisch motivierte Kriminalität steigt mit zunehmender Radikalisierung. Deutungsangebote
Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingungen des Aufwachsens und sozialer Realität gilt es zunächst, die lange und von Ambivalenzen durchzogene Jugendphase zu vergegenwärtigen, die gelingen (Bildung und Ausbildung, berufliche und soziale Integration, Anerkennung), aber auch misslingen (Ausgrenzung, Desintegration, Armut) kann. In allen Gesellschaften gilt die Jugend als eine prekäre und gefährdete Entwicklungsphase, die mit Identitätsbildung, Suchprozessen und Übergängen verbunden ist. Es ist die Zeit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und besonderen Herausforderungen, der Entscheidungsoptionen und von Entscheidungsdruck. Diese Prozesse sind als adoleszente Dynamiken mit ihrer Suche nach Bindungen seelischer Energie und den zugehörigen Gefühlen, nach Sinn und Gebrauchtwerden sowie nach sozialen Einbindungen immer auch mit Omnipotenzphantasien (Größen- und Allmachtsvorstellungen) verbunden; das gilt vor allem auch die neue (überschätzte) Körperlichkeit, die mit Grenzerfahrungen und Risiken ausgetestet werden soll, die eine Ressource bzw. Mittel wird, die man (ggf. auch kämpfend) einsetzen
kann. Dies alles findet unter den jeweiligen ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedingungen und Ressourcen statt, die Jugendlichen und ihren Familien zur Verfügung stehen und die die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Dass dabei die Chancen unterschiedlich verteilt sind, hat die Bildungsforschung – um hier nur ein Beispiel herauszugreifen - in den letzten Jahren mit Blick in soziale und kulturelle Herkunft und die mit ihnen verbundenen Bildungsabschlüsse mehrfach belegt. Dieser generelle Blick auf die junge Generation gilt in doppelter Perspektive – geschlechtsspezifisch differenziert - für männliche und weibliche Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund bzw. Zuwanderungsgeschichte. Sie sind mit weiteren biografischen Anforderungen, Belastungsmomenten und Entwicklungsherausforderungen konfrontiert, die als Spannungsverhältnisse, Akkulturationsstress und lebensweltliche Verunsicherungen - auch verbunden mit Identitätsbedrohung und gebrochenen Selbstbild – beschrieben werden. Es ist ein Aufwachsen im multikulturellen Kontext, in der Herausbildung „ethnischer Identität“ (als Zugehörigkeit zu einer Minderheit), einem Leben in eigenkulturellen Welten (Familie) und in mehrheitskulturellen Welten (Normen und Werte westlicher Gesellschaft und Zugehörigkeit zur Mehrheitskultur) zugleich. Junge Muslime stehen in Deutschland wie in anderen westlichen Ländern vor der Aufgabe, ihre biografischen Lebensentwürfe, ihre Orientierungen und Weltanschauungen, ihre sozialen und kulturellen Identitäten im Spannungsfeld zwischen den Einflüssen und Erwartungen der Herkunftsmilieus und denen der bundesdeutschen Gesellschaft zu entwickeln. Und es gibt eine doppelte Wahrnehmungsperspektive: Jugendliche nehmen sich selbst als „Opfer“ wahr und werden in der Gesellschaft als „Täter“ wahrgenommen. Solche Identitätsentwürfe können produktiv sein, gelingen und eine Chance – Stichworte: Kompetenzen, Flexibilität, Mehrsprachigkeit - sein, sie können aber auch misslingen, weil negative Erfahrungen, die Belastungen und Überforderung dominieren. Wenn es nicht gelingt, in den adoleszenten Dynamiken die frei flottierende bzw. vagabundierende psychische und körperliche Energie in Schule, Ausbildung/Arbeit, in der Freizeit subjektivsinnvoll und gesellschaftlich-zivilisiert zu binden, dann sucht sie sich ihre „eigenen Wege“. Diese können – das zeigen Erkenntnisse aus der Rechtsextremismusforschung - auch in religiösen und politischen Fanatismus/Extremismus, in Gewalt und ein Leben in Eigenwelten einmünden und hier hermetisch gebunden werden. Mit Blick in den Salafismus sind vor allem die islamischen Familien mit besonderen Konfliktkonstellationen konfrontiert: Die Kinder sind zunächst kaum religiös und westlich-jugendkulturell sozialisiert (verbunden u. a. mit Merkmalen wie Alkohol, Rauchen, Drogen, Kleidung); nun ziehen sie sich zurück und verändern ihre Lebensweise, kritisieren mit ihrem neuen „Zuhause“ in der salafistischen Welt ihre Eltern und ihr bisheriges Zuhause. Sie stellen in den Abgrenzungsprozessen deren Lebensweise in Frage, kritisieren sie entweder für ihre „falsche“ oder fehlende Religiosi11
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Beruf und Qualifi kation tät und/oder für ihre weltliche Lebensweise. Sie wenden sich von ihnen ab und gehen nicht den von den Eltern gewünschten Weg, sondern den der folgenreichen und bedrohlichen Radikalisierung. Diese Erfahrungen erschüttern Familien und beinhalten ein hohes Konfliktpotential. Wenn der Familienhalt wegbricht, die Schule „nicht läuft“ und die Freizeit von Langeweile und Nichtstun bestimmt ist, dann kann das – beim Fehlen jeglicher sozialer Instanzen und Integrationsangebote – ein Einfallstor für salafistischdschihadistisches Gut-Böse-Denken sein. Dschihadistischer Salafismus als jugendkulturelles Phänomen
Generell gilt, dass vielfältige jugendkulturelle, aber auch fundamentalistische und radikalisierte Szenen, Lebensweisen, Einstellungen und Haltungen die Jugendgeschichte und die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse durchziehen. Das gilt insbesondere für die modernen westlichen Gesellschaften mit einer pluralisierten (auch muslimischen) und mit eigenwilliger Bricolage verbundenen Jugendkultur, die sich in differenzierten Lebenswelten und Szenen ausdrückt. Wenn dabei Orientierungen und Verhaltensweisen in weitere und größere Teile bzw. Gruppen der jeweiligen jungen Generation hineinreichen, und sie mit ihren lokalen und regionalen Zentren (z.T. auch überregionalen Strukturen) zugänglich sind (unter den Jugendlichen, auf der Straße, im Netz, mit Treffpunkten und Aktivitäten verbunden), dann spricht man von einem jugendkulturellen Phänomen bzw. einer transnationalen Jugendbewegung. Mit Blick auf die eher kleine und überschaubare neosalafistische Jugendszene gehören zu den wichtigen Merkmalen u.a.: • Der aktuelle religiös-salafistische, radikal-dschihadistische Extremismus ist auch ein Phänomen westlicher Gesellschaften; es sind Jugendliche und junge Erwachsene, die hier zwischen traditioneller (autoritärer) Familie und westlich-liberaler Kultur aufgewachsen sind. Sie haben oft die deutsche Staatsbürgerschaft; sind hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Der dschihadistische Salafismus als Jugendkultur und Radikalisierung hat seine Diskursbezüge – analog zu den Erkenntnissen über den Rechtsextremismus bzw. die rechtsextreme Jugendszene – in der Bundesrepublik Deutschland (bzw. in anderen westlichen Ländern) und in der Mitte der islamischen Gesellschaft/Welt. Es ist ein Diskurs, der die westliche Welt, deren Lebensweise und Werte ablehnt und ist somit eine Denkweise, die sich radikalisieren kann. Er ist auch eine Antwort auf der Suche von Jugendlichen nach Sinn und der Deutung ihrer ausgrenzenden und diskriminierenden Erfahrungen; auch von Gewalterfahrungen in einem autoritären Elternhaus. • Die Zugehörigkeit und Anerkennung von Gleichaltrigen und vor allem von Älteren („Brüdern“) in der Szene, die Verständnis für die negativen, ausgrenzenden und abwertenden Erfahrungen, die Fragen und Probleme der Jugendlichen anbieten und diese deuten, die ihre eigene Biografie erzählen und neuen Sinn anbieten, macht die „Welt der radikalen Subkultur“ attrak12
tiv. Hier erfahren sie autoritäre und rigide Formen der Anerkennung und Einbindung, Kameradschaft und Gemeinschaftsgefühle sowie Aufgaben in einer klaren Ordnung, die mit eindeutigen Identitätsangeboten (als Muslim) einhergehen. Diese Merkmale entsprechen mit ihren einbindenden und radikalisierenden Prozessen den Erkenntnissen, die über die rechtsextreme Szene (Cliquen, Kameradschaften) vorliegen. Dabei geht es (zunächst) weniger um Ideologie oder Religion, als vor dem Hintergrund von Lebenserfahrungen und -gefühlen um Aufmerksamkeit, Anerkennung, Überlegenheit und Eindeutigkeit, Belohnung und Triumphgefühle. Ideologische oder religiöse Fragmente sind ein Ventil für Hass und Wut, sie folgen Nützlichkeitserwägungen und werden instrumentell genutzt und eingebunden; sie dienen der rechtfertigenden Selbstvergewisserung und Überhöhung von Gewalt. • Insgesamt sind die Moscheen für die meisten westlich-kulturell aufgewachsenen jungen Leute nicht attraktiv und sie erreichen sie mit ihren Angeboten kaum. Dabei ist u. a. eine Erkenntnis interessant, die bisher kaum diskutiert worden ist und sich auf das Sprachvermögen von Jugendlichen mit Migrationserfahrungen aus der muslimischen Welt bezieht: Sie sprechen vor allem deutsch (und kaum noch die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern) und der Salafismus ist die einzige islamische Religion, die sie in deutscher Sprache und auch in ihrer Jugendsprache anspricht. Dabei werden in der politischen Propaganda vor allem auch Medien und popkulturelle Elemente (wie Videoclips, Internet, Fotos, Lieder, Hip-Hop, T-Shirts, „Supermuslim“) genutzt und eingesetzt. In der Beeinflussung von Jugendlichen haben wiederum die salafistischen Moscheen (einzelne Prediger) und deren Umfeld eine große Bedeutung. • Das salafistische Angebot bietet mit seinen realen und/oder mediatisierten (virtuellen) Vergemeinschaftungsorten der jungen Generation eine eindeutige und radikalisierte, von Hasspredigern gern angebotene, Deutung ihrer als feindlich empfundenen westlich-weltlichen Lebens(um)welt an, und macht vor allem jungen Männern im „Kampfesalter“ ein sakralisierendes Angebot, das verkürzt so aussieht: Gott will, dass sie gegen ihre Eltern und die Ungläubigen kämpfen sollen; Gott ist die höchste und will (!) als einzige legitimierende Instanz, dass sie in den „Heiligen Krieg“ gegen die Andersgläubigen ziehen. Nur gegenüber Gott sind sie verpflichtet und nur er legitimiert die Gewalt. Der Salafismus wird als reiner, wahrer Islam (seiner Frühzeit) und das Kalifat als die (!) Lösung „aller Probleme“ angeboten. Biografien und Motive
Die Motive der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in den „Heiligen Krieg“ nach Syrien und den Nordirak zu ziehen, sind nicht monolithisch; der Motivmix umfasst nach den bisherigen Befunden vor allem: • Junge Männer sind auf der Suche nach Halt und Eindeutigkeit, nach Abenteuer und Heldentum; sie wollen Helden sein und
mit ihren Brüdern gegen die „Ungläubigen“ kämpfen; sie sind vernarrt in Waffen und damit verbundene Machtphantasien. • Mit der Faszination, einer scheinbar elitären Gruppe zuzugehören und mit einem Nimbus der Unbesiegbarkeit geht es um Selbstaufwertung. Das Angebot zu den Stärkeren und Ersten des neuen islamischen Staates (Kalifats) zu gehören, macht die Attraktivität für unsichere und gefährdete Jugendliche aus (Stichworte: Zugehörigkeit zu den Unbesiegbaren, Selbstaufwertung der Identität, Teil einer angeblich bedeutenden „Erzählung“, der „Eroberung der Welt“). • Einige sind „humanitär“ motiviert und wollen mit ihren „Brüdern und Schwestern“ gegen Assad kämpfen, ihnen beistehen und sie verteidigen helfen. • Für die jungen Männer und jungen Frauen sind es – vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zerrissenheiten zwischen „Tradition und Moderne“ - auch Versuche der Befreiung (halbierte Emanzipation) aus dem Spannungsfeld von autoritären Elternhäusern und westlicher Lebenswelt, die zugleich mit rigiden Geschlechterrollen verbunden sind. • Einige sind religiös-ideologisch ausgerichtet, verstehen sich als Glaubenskrieger und als Kämpfer für den Ausbau eines Kalifats, verbunden mit Macht- und enthemmten Gewalt- und Tötungsphantasien. • Eine Rolle spielt auch eine antiwestliche und antiisraelische Ausrichtung. In der Mobilisierung, Rekrutierung und Anschlusssuche sind vor allem die „kleinen sozialen Netzwerke“, Kontakte und Freundschaften innerhalb der Dschihadistenszene und von Bedeutung, das gilt gerade auch für kleinere Kommunen und Städte und nicht nur – wie bisher eher vermutet - für Großstädte und Ballungsgebiete. Das Internet spielt in den Radikalisierungsbotschaften und -prozessen ebenfalls eine wichtige - aber leicht überbewertete – Rolle. Das zeigen auch die Daten der o.g. Analyse des Verfassungsschutzes und der Polizei über die 378 analysierten Ausgereisten: Danach führten bei 18 Prozent die Propaganda aus dem Internet (dessen Quantität und Qualität schwer zu messen ist) zur Radikalisierung; mit Abstand am wichtigsten waren Kontakte zu Freunden (30 Prozent) und salafistischen Moscheen (23 Prozent). Es gibt in der Szene radikalisierte „Kerne“ und „Mitläufer“, dann ihre eigene Entwicklung „erzählende Ältere“ und es gibt „idealistische“ Kämpfer. Am Ende des Radikalisierungsprozesses steht die Entscheidung als „Fanboys“ hier zu bleiben oder – verbunden mit ausgeprägter Mordlust/ -phantasien – als dschihadistische Kämpfer in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Das religiös-salafistische Identitätsangebot ist dann: „Gott will das und nur ihm habe ich zu folgen, nur vor ihm muss ich mich rechtfertigen“. Herausforderungen
In der Auseinandersetzung mit dem Salafismus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es um Prävention, Intervention und Repression, um Deradikalisierung und einen öffentlich-
„DIE EINRICHTUNG VON ZEUGNISSORGENTELEFONEN IST AUSDRUCK DER PERVERSION UNSERER ZEUGNISPRAXIS.“ DETLEF TRÄBERT
aufklärenden Diskurs (vgl. El Wayar/Strunk 2014). Dies bezieht sich auf die Jugendlichen in der salafistischen Szene, auf die „Fanboys“ und die sog. „Rückkehrer“. So sind in England sind bis Ende 2014 zwischen 200 und 250 „Kämpfer“ zurückgekommen, in Deutschland wird die Zahl auf etwa ein Drittel geschätzt (für Hessen liegt die Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich). Mit Blick auf die sog. Rückkehrer stellt sich die Frage nach deren Erfahrungen und Radikalisierung, deren Motivation und Ausbildung, aber auch nach ihren Traumatisierungserfahrungen und Desillusionierungen; vor diesem Hintergrund und unterschiedlichen Verarbeitungsweisen kommen bzw. können sie zurückkommen. In der englischen Diskussion werden drei Gruppen unterschieden, mit denen unterschiedlich umgegangen werden muss, auf die unterschiedliche sicherheitspolitische und gesellschaftliche Antworten gefunden werden müssen: • die Ideologisierten und Gefährlichen (mögliche Schläfer, die u. a. „terroristisch kompetent“ sind, gekämpft und getötet haben, an Waffen ausgebildet sind), • die Geschädigten (die u.a. mit traumatisierenden Erfahrungen aus Krieg, Mord und Zerstörung zurückkommen), • die Desillusionierten und Ernüchterten, vielleicht auch Geläuterten (die u.a. nicht gegen andere Muslime kämpfen wollten und froh sind, aus den Gräueln des Kämpfens, Krieges und Mordens zurückzukehren). Präventionsförderung/-projekte
Mit Blick auf die Herausforderungen und Möglichkeiten in den pädagogischen, beratenden und bildenden Feldern – Schule, Jugendarbeit, politische Bildung, Beratung und Begleitung – gibt es erste Ansätze und Erfahrungen sowie weitere Bedarfe in den Bereichen von Prävention, Beratung und Ausstieg. Bisher sind vor allem in Hessen und NRW sowie mit der Bundesförderung erste Programme im Bereich Prävention, von Anlauf- und Beratungsstellen für Eltern, Angehörige, Freunde und Lehrer initiiert und aufgelegt worden (auch in Wien gibt es seit Dezember 2014 eine Beratungsstelle zum Thema „Radikalisierung“): 13
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Beruf und Qualifi kation • Der Bund stellt staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen
2,5 Millionen Euro zur Verfügung, das Programm des BMFSFJ gegen Extremismus ist 2015 um zehn Millionen Euro erhöht worden; hier geht es vor allem um Aufklärungs- und Bildungsprojekte. • In Hessen gibt es seit Herbst 2014 das „Präventionsnetzwerk gegen Salafismus“. Es ist das erste Landesprogramm – realisiert von dem Projektpartner „Violence Prevention Network“ (VPN) - mit einer zentralen Beratungsstelle in Frankfurt/M; hier geht es neben den allgemeinen und präventiven Maßnahmen um Interventionen mit einem breiten Beratungsauftrag (von Angehörigen, Deradikalisierung von Radikalisierten) sowie die Schaffung eines Ausstiegsprogramms. • In NRW gibt es mit dem Pilotprojekt „Wegweiser – gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus“ erste Anlaufstellen in Bonn, Düsseldorf und Bochum, weitere Projekte soll es ab 2015 in Köln, Duisburg/Dinslaken und dem Bergischen Land geben. • Neben den Anlaufstellen in den Ländern – bisher Hessen, NRW – ist die Hauptanlaufstelle für die Betreuung und Beratung von gefährdeten Jugendlichen und deren Angehörigen die „Beratungsstelle Radikalisierung“ beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF). Hier sind drei Mitarbeiter in Kooperation mit vier privaten Organisationen – u. a. das Zentrum Demokratische Kultur (ZDR) in Berlin – eingebunden. Prävention, Beratung, Ausstieg
Bisher sind in den Projekten bundesweit insgesamt kaum mehr als zwei Dutzend Personen hauptamtlich in der Auseinandersetzung mit dem fundamentalistischen Salafismus beschäftigt und es gibt einen weiteren erheblichen Bedarf in den Bereichen Prävention, Beratung und Begleitung (als Prävention und Intervention) sowie den Ausstiegshilfen. Für deren Entwicklung geben die Erfahrungen aus den Programmen, die in den letzten Jahren in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus gewonnen wurden, wichtige und hilfreiche Hinweise. 1. Allgemein gilt es, in der Gesellschaft, der schulischen Bildung und den außerschulischen Bildungsprogrammen der Jugendund Erwachsenenbildung ein aufklärend-differenziertes Bild der rund vier Millionen Muslime in Deutschland zu vermitteln. Dies bezieht sich auch auf das allgegenwärtige Misstrauen und die Generalisierungen gegenüber ihrer Religion und Kultur, auf wirkmächtige Feindbildkonstruktionen und Zuschreibungen wie sie auch die aktuellen Studien des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung belegen (Hafez/Schmidt 2014, Halm/Sauer 2014). Nach dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, „erleben die Muslime medial gerade den Super-Gau“ und sind mit einer Misstrauenskultur wie auch Kriminalisierung von Gemeinden konfrontiert. Er lädt die Zivilgesellschaft ein und plädiert u.a. für eine gemeinsame Präventionsstrategie, eine verbesserte Jugendarbeit in den Moscheegemeinden und „Aktionen. Freitagsgebete mit Friedenskundgebungen im Anschluss, zu denen 14
die Mehrheitsgesellschaft eingeladen ist“ (Change 4/2014, S. 64). Zugleich konstatiert er für den Reformweg: „Die Veränderungen müssen aus der Mitte der Muslime selber kommen“ (S. 66). Aufklärung, Bildung und Dialog sind die Stichworte für eine breite Prävention, die die ganze Gesellschaft bzw. große Teile von ihr erreichen muss. 2. Es geht um die Ansprache, den Kontakt und die pädagogische und (politisch) bildende Arbeit mit möglichst vielen Jugendlichen, die sich in offenen Orientierungs- und Suchprozessen befinden. Dazu bedarf es entsprechender Einrichtungen, Angebote und Professionalität in und außerhalb von Schule, in der Jugendarbeit, in den Jugendverbänden und den (sich verändernden, an jugendkulturelle Realitäten angepasste) Moscheegemeinden (z.B. mit neuen Formen der Kooperation und Jugendarbeit, interkulturellen Dialogen), die Jugendliche in ihrer Suche partizipations- und demokratiefördernd begleiten, die Anerkennungserfahrungen ermöglichen, ihre Integration in Kommunen und Zivilgesellschaft (u.a. mit neuen Formen der Kooperation, interkulturellen Öffnungen und Dialogen), in Bildung/Ausbildung und Arbeit fördern und ihnen Integrationshilfen anbieten. Jugendliche wollen teilhaben, ernstgenommen werden und Zukunft haben – neben Schule, Ausbildung und Arbeit haben hier die Angebote und Erfahrungen der pädagogischen und professionellen Freizeitarbeit (Treffgelegenheiten, Betreuung, Beratung, Kontakte u. a.) gegen Langeweile und Einsamkeit, problematische Formen der Selbstorganisation (Gangs) eine große Bedeutung. 3. Es geht um den Ausbau und die Professionalisierung von Beratungsangeboten für Kindertagesstätten und Schulen, Eltern, Kommunen und Jugendarbeit sowie für ratsuchende Jugendliche „im Sog der Radikalisierung“. Dabei ist Ziel und Aufgabe, gefährdenden Entwicklungen und radikalisierenden Einstiegen und Prozessen vorzubeugen und Deradikalisierung zu ermöglichen; weiter für die Anzeichen von problematischen Entwicklungen unter Jugendlichen (Veränderungen in Argumenten, Lebenswelt und Verhalten, Ausstieg aus bisherigen Freundes- und Bekanntenkreisen, Einstieg in die salafistische Lebenswelt und mögliche Radikalisierungsprozesse) zu sensibilisieren und im (konflikthaften) Umgang mit ihnen jeweils angemessen sensibel zu (re-) agieren. Dabei ist die anspruchsvolle und schwierige Herausforderung für Eltern, Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter, mit einer verstehenden und fragenden Perspektive die Kontakte und Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen. 4. Extremistische Orientierungen und Verhaltensweisen sind – das wissen wir aus der Rechtsextremismusforschung – zunächst wenig mit ideologischen oder hier mit religiösen Überzeugungen verknüpft; sie kommen in den Einbindungs- und Radikalisierungsprozessen sukzessive – übernommen durch Kontakte, von „Älteren“, hier auch von Imamen, selbst „gebastelt“, konstruiert, als kultische Selbstauslegungen) – als Rechtfertigung hinzu. Zunächst sind es vor allem radikalisierte Ge-
fühlswelten und eine Faszination einer „Kultur der Gewalt“ und von Macht, die Aufteilung von Welt als „gut und böse“, „zugehörig und nicht zugehörig“ sowie eine Gefühlsozialisation, die von Hass und Gewalt dominiert wird. Damit ist die pädagogische Erkenntnis und Herausforderung verbunden, nach denen Veränderungen und Lernen nicht (nur) über Argumente, Belehrung und Rationalität stattfinden, sondern vor allem (nur) über (neue) auch emotional berührende und irritierende Erfahrungen, sich verändernde Gefühlswelten und dosierte Irritationen gelingen kann. 5. Die Ausstiegsbegleitung und Betreuung von ausstiegsbereiten „Fanboys“ und sog. „Rückkehrern“ ist - neben den sicherheitspolitischen Einschätzungen und Herausforderungen - auch eine pädagogisch-beratende und psychologische Aufgabe und Herausforderung. Hier geht es um langfristige Prozesse, die einer kompetenten Professionalität bedarf und den ausstiegsbereiten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine „zweite Chance“ gibt. 6. Besondere Herausforderungen gibt es - mit Blick in die Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit - für die therapeutischen, begleitenden und bildenden Angebote in Haftanstalten. Die Zahl der inhaftierten Islamisten wird (u.a. durch die radi-
kalisierten Rückkehrer) zunehmen und hier müssen Radikalisierungsprozesse in Gefängnissen und Kontakte in die salafistische Szene ebenso verhindert werden wie es Programme der Deeskalation, für die Entwicklung neuer (religiöser) Orientierungen und von Selbstwertgefühl geben muss. u
Literatur BEHNAM T. SAID/HAZIM FOUAD (HRSG.) (2014).
„Salafismus”. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg WAEL EL GAYAR, KATRIN STRUNK (HRSG.)(2014).
Integration versus Salafismus. Identitätsfindung muslimischer Jugendlicher in Deutschland, Schwalbach/Ts. KAI HAFEZ, SABRINA SCHMIDT (2014).
Die Wahrnehmung des Islam in Deutschland, Gütersloh DIRK HALM, MARTINA SAUER (2014).
Lebenswelten deutscher Muslime, Gütersloh HAFENEGER, BENNO (2015).
Auseinandersetzung mit dem emanzipationsfeindlichen Salafismus und politisch-religiösen Extremismus: Was lernen wir aus Programmen und Ansätzen gegen Rechtsextremismus? In: deutsche jugend, Heft 1
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